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MARCUS JANSEN. "AFTERMATH"

17. März bis 23. April 2017

Zur Vernissage am Freitag, den 17. März 2017 um 19.30 Uhr laden wir Sie herzlich in die Räume unserer Galerie an der Festhalle ein.

Die Öffnungszeiten der Ausstellung:
Mittwoch 16:00 - 18:00 Uhr,
Freitag und Samstag 16:00 - 19:00 Uhr,
Sonntag 10:00 - 12:00 und 16:00 - 19:00 Uhr.

 


Improvisation als kreatives Prinzip

Gottfried Knapp (Süddeutsche Zeitung) zur Malerei von Marcus Jansen

Jansen verfolgt nicht ein bestimmtes Ziel, wenn er ein Bild beginnt; er hat keine reale Szene im Kopf, der er beim Malen gerecht werden müsste; er weiß nicht, wohin ihn die improvisatorische Arbeit mit Farben und Malgeräten führen wird. Mal laden ihn die spontan hingeworfenen ersten Formen, mit denen er die Fläche strukturiert, zu frei abstrakten, aber maltechnisch differenzierten Gesten ein, mal entdeckt er Strukturen auf dem begonnenen Bild, die ihn zu gegenständlichen Ausdeutungen und drastischen Verdinglichungen aufzufordern scheinen.

Mit rein malerischen Mitteln und einer freien, quasi abstrakten Gestik erzielt er illusionistische Wirkungen, die an Ausdruckskraft fast alles übertreffen, was naturalistisch denkende Maler bei ihren Ding-Beschwörungen zu schaffen vermögen.

Je mehr reale Gegenstände und Figuren wir in Jansens Bildern zu erkennen glauben, desto aufregender wird die Entdeckung, dass diese räumlichen und figuralen Illusionen mit recht unkonventionellen, ja unpassenden Mitteln erweckt worden sind. Und je wilder sich der Maler in frei delirierenden Farben und Formen ergeht, desto mehr staunt man über die teilweise verblüffend präzisen sozialen und urbanen Szenerien, die der Peinture in fast ironischer Beiläufigkeit zu entquellen scheinen.

Marcus Jansen beginnt seine Arbeit in der Regel mit einer freien Markierung auf der grundierten Leinwand. Auf den ersten wuchtigen Pinselhieb und auf die damit erzeugte harte, quasi zeichnerische Grundstruktur antwortet Jansen in der Regel mit einem weichen Element, also mit ganz und gar malerischen Mitteln. Danach treten ganz unterschiedliche Techniken gegeneinander an. Pinsel, Besen, Walzen und Spachtel kommen zum Einsatz. Farbtöne in wässrig transparenten Strömen fließen über die Bildfläche, oder große Farbkleckse bleiben so kompakt stehen, als seien sie in Emaille gegossen worden. Wolkenartig diffuse Gebilde werden mit Spraydosen erzeugt. Und immer wieder mischen sich freche Zufallsspritzer in das inhaltlich noch unentschiedene Farbund Formgeschehen ein.

Figuren tauchen auf, deren Gestik düstere Ahnungen erwecken kann. Und Objekte des Alltags segeln irritierend überdeutlich durch abstrakte Farbschwaden. Der inszenierte Bruch wird durch hineincollagierte Fotoelemente, die eine klare Botschaft haben, oder durch plastische Objekte in Miniaturgröße, die an bezeichnenden Stellen auf die Malfläche aufgeklebt werden und so den Realismus in die dritte Dimension treiben, noch einmal schroff verstärkt. Die Figuren, so lebendig sie sich auch im Bild gebärden, gehen auf im Wirbel der gegenstandsfreien malerischen Andeutungen, im großen abstrakten Geschehen, das die Kompositionen beherrscht. Und genau dieses harte, manchmal gnadenlose Aufeinanderprallen von menschlich affizierenden Erzählmomenten und einem übermächtigen bildnerischen Geschehen macht diese Gemälde zu einzigartigen Kunstwerken. Dem Maler gelingt es, die gestischen und koloristischen Freiheiten der abstrakten Malerei mit der inhaltlichen Beredtheit und der handwerklichen Präzision naturalistischer Darstellungen zu verbinden. Ja durch das kontrapunktische Ineinanderwirken dieser beiden gegensätzlichen Kunstprinzipien werden die abstrakten wie die gegenständlichen Elemente in ihrer Wirkung noch deutlich gesteigert.

Auszüge aus dem Essay von Gottfried Knapp in der Buchveröffentlichung „Marcus Jansen. Aftermath“, Hirmer Verlag München, 2017

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Marcus Jansen wurde 1968 in Manhattan, New York geboren, als Sohn einer westindischen Mutter aus Jamaika und eines deutschen Vaters.
1976 zieht Marcus zu seinem Vater nach Mönchengladbach, wo er einen Großteil seiner Jugend verbringt und seine schulische Ausbildung erhält. Prägend für ihn ist die Begegnung mit den Werken von Robert Rauschenberg, mit der Graffiti-Kunst der 80-er Jahre, mit Keith Haring und Jean-Michel Basquiat. In Deutschland studiert Jansen Kunst und Gestaltung an der Berufsfachschule in Mönchengladbach.
1989 entschließt sich Marcus Jansen, der US Army beizutreten und wird nach der Grundausbildung in den Irakkrieg „Desert Storm“ geschickt. Er wird in „Dragon City“ stationiert und erlebt den Schrecken des Krieges hautnah. 1997 scheidet er auf eigenen Wunsch aus der Armee aus.
Rückkehr nach New York, wo er seine Kunstwerke an den Straßenecken von New York verkauft. 2001 Umzug nach Atlanta, 2003 nach Florida mit seiner Frau und seinen 2 Söhnen, ganz in die Nähe der Wirkungsstätten von Robert Rauschenberg und Roy Lichtenstein. 2004 Begegnung mit Rauschenberg. Im gleichen Jahr werden Jansens Werke in der Bob Rauschenberg Gallery in Fort Myers gezeigt. Diverse Ankäufe und Aufträge für „Absolut Vodka“, Warner Brother, Illuminum, FIFA und Ford Company.
Beginn der Ausstellungstätigkeit in Museen 2016 in Mailand, im „Triennale di Milano Museo“, begleitet von der Aufführung des Dokumentarfilms „Marcus Jansen – Examine and Report“ von John Scoular. Bei Skira Mailand / New York erscheint das Buch „Marcus Jansen. DECADE“. Begleitend zur Ausstellung wird auch der Dokumentarfilm von John Scoular „Marcus Jansen - Examine & Report“ aufgeführt, mit Statements des Londoner Galeristen Steve Lazarides, des Rauschenberg- Produzenten Lawrence Voytek, des Künstlers WEST Rubinstein und von Dieter Rampl, Vizepräsident der Hypo Kunsthalle München.
Eröffnung von Marcus Jansens neuem Atelier in Fort Myers am 3. Dezember 2016. Teilnahme an der artKarlsruhe 2017 von 16.2.-19.2. und an der Ausstellung „Ecce Creatura“ in Kallmann Museum Ismaning, zusammen mit Gérard Stricher, Rita De Muynck und Ruprecht von Kaufmann, mit Eröffnung am 17. Februar 2017.

 

Rede zur Eröffnung der Ausstellung "Aftermath"

von Elmar Zorn

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

 "Aftermath" - das ist ein schwer zu übersetzender Titel dieser Ausstellung und des Buches mit den Werken von Marcus Jansen. Im Deutschen bedeutet es "die Folgen" und "die Nachwirkungen". In den USA wird es vor allem verwendet im Zusammenhang mit der Situation nach dem traumatischen Anschlag auf die Türme des World Trade Centers am 9. September 2001, dem sog. "9/11". Gemeint ist alles, was unmittelbar nach diesem epochalen Ereignis erfolgte, ist also die Aufarbeitung der Situation nach der Katastrophe.

Wie solch post-apokalyptische Gestimmtheiten durch Künstler bisher gestaltet wurden, war Thema einer Ausstellung mit den geisterhaften Wassertuschbildern von Hochhäusern des chinesischen, in New York lebenden Malers Paul-Ching Bor, in der Kunsthalle White Box am Münchner Ostbahnhof, am 10. Jahrestag von 9/11. An der Podiumsdiskussion unter dem Titel "Aftermath. Der Umgang der Künstler mit dem Unheil in unserer Zeit, von Auschwitz über 9/11 zu Fukushima" nahmen Manfred Schneckenburger, Dieter Ronte und ich teil. Soviel zur Herkunft des Titels der Ausstellung und zur Kontinuität dieser Thematik, die bei Marcus Jansen ja erkennbar dominant ist.

Wer ist dieser Künstler, der in zwei Kontinenten verankert ist? In New York 1968 geboren, Sohn eines deutschen Historikers und einer aus Jamaica stammenden Mutter, wuchs Marcus Antonius teilweise in Deutschland auf, wo er auch zur Schule ging und Kunst in Mönchengladbach studierte. Er spricht also akzentfrei deutsch, den anderen Teil seiner Jugend verbrachte er in New York. Nach einer Begegnung dort mit dem Graffiti-Künstler WEST ONE zeichnete und malte er anfangs auf Wände und verkaufte seine ersten mobilen Kunstwerke an den Straßenecken von Manhattan. Diese Herkunft von der New Yorker Street Art bzw. Urban Art, eine Outsider-Rolle also, wie sie auch Keith Haring anfangs einnahm und in der Gegenwart noch Banksy. Das spielt bis heute eine Rolle in der Rezeption von Jansens Kunst. So wird er in London vertreten von Steve Lazarides, dem Galeristen von Banksy, und wird auch im nächsten Jahr eine von Lazarides kuratierte Ausstellung im Kunstmuseum MACRO in Rom haben.

Doch eher sind es andere Typenhorizonte, die sich bei der Betrachtung seiner Leinwand- und Papierarbeiten hier in diesen Räumen auftun. Wir assoziieren Neo Rauch und dessen rätselhafte Bilderzählungen, wenn wir Jansens expressiv mit Zivilisationsschutt aufgeladenen Szenerien auf Leinwand und Papier sehen, und wir denken an Francis Bacon bei der Betrachtung seiner gesichtslosen Porträts. Doch Jansen erzählt keine Geschichten, sondern ruft Figuren auf, zitiert sie. Etwa das Mädchen Dorothy aus der Erzählung "The Wizard of Oz" von 1900, das Marcus Jansen wie viele nicht als Kinderbuch, sondern als politische Allegorie der Geldpolitik dieser Zeit liest. Es gehört in der Verfilmung von 1939 mit Judy Garland zu den Inkunabeln amerikanischer Kultur. Dass auch Jansens Malerei eine politische Tiefenstruktur aufweist, können Sie in dieser Ausstellung aufspüren, am deutlichsten in der Arbeit, die einen gesichtslosen Guantanamo Häftling darstellt.

Der Titel seiner Londoner Ausstellung 2014 in der Galerie Lazarides war denn auch bezeichnenderweise "Whistleblower". Dass viele seiner Motive und Objektfragmente Krieg, Panzer, Soldaten,Vernichtung thematisieren, macht einen großen Teil seines malerischen Programms aus und ist insofern Botschaft eines Kriegsveteranen.

Denn Jansen war GI ab 1989, im Golfkrieg und dann in Südkorea, schied 1997 aus und verarbeitete diese traumatischen Erlebnisse in seiner Malerei. Dennoch gehen seine stark Film- und Bühnenräume ausbreitenden Szenerien, die zwischen Utopie und Dystopie angesiedelt sind, im Grenzbereich von realistischen mit fiktionalen Darstellungen, nicht aus von narrativen Vorstellungen. Am Anfang der Bildproduktion steht bei Jansen eine malerische Idee, erst dann ergeben sich inhaltliche Verbindungen, wie Gottfried Knapp in seinem Buch-Essay über Marcus Jansen nachgewiesen hat. In diesem Zusammenhang möchte ich aus dem Buch, das Ihnen gleich Dieter Ronte vorstellen wird, einen Satz von Knapp zitieren:

"Mit rein malerischen Mitteln und einer freien, quasi abstrakten Gestik erzielt er (Jansen ) illusionistische Wirkungen, die an Ausdruckskraft fast alles übertreffen, was naturalistisch denkende Maler bei ihren Ding-Beschwörungen zu schaffen vermögen."

Lassen Sie mich festhalten:
Die Protagonisten des Bildgeschehens auf Leinwand und Papier formieren in den Werken von Marcus Jansen eine Choreografie – wie gesagt – post-apokalpytischen Lebensgefühls und loten Möglichkeiten neuer Bildbereiche aus. Es sind Inszenierungen, denen die Herkunft aus Popkultur und Street Art anzumerken ist, nicht zuletzt in ihrem sozialen und politischen Engagement. Jansens Metasprache vermittelt durch die Farb- und Figurenerfindungen ein Forum neuer Kombinatorik in der Malerei. Wir erleben, wie der Künstler die Thematik der geschundenen, desorientierten Kreatur so experimentell wie gleichzeitig traditionell behandelt im Medium der Tafelmalerei, dessen Optionen offensichtlich noch nicht ausgeschöpft sind.

Elmar Zorn

 

Marcus Jansen: 'When the Cowboys Came'