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Bernd Zimmer, Reflexion: 'Ruhiger Abend' 2009, Acryl auf Leinwand, 160x130mm (Ausschnitt)

Bernd Zimmer - Malerei - Holzschnitt

4. Mai - 10. Juni


Bernd Zimmer zählt zu den Stars der deutschen Gegenwartskunst und stellte auch schon in den bedeutendsten Museen der Welt aus. Jetzt ist es dem Verein Kunst und Kultur zu Hohenaschau gelungen, ihn für seine 101. Ausstellung vom 4. Mai bis zum 10. Juni 2012 zu gewinnen.

Bernd Zimmer ist einer der Gründerväter der "Heftigen Malerei" und der Gruppe der "Neuen Wilden". Der im oberbayerischen Polling lebende Künstler gestaltet vor allem Landschaften, deren reale Eindrücke zwar auf Reisen rund um den Globus gewonnen wurden, die sich aber auf der Leinwand als kraftvoll freie Malerei von fast abstrakter Qualität äußern.

Zur Vernissage am 4. Mai, 19.30 Uhr in der Galerie an der Festhalle in Hohenaschau ist jedermann herzlich eingeladen.

Die Öffnungszeiten der Ausstellung: Mittwoch 16-18 Uhr, Freitag und Samstag

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Bernd Zimmer

1948 geboren in Planegg bei München
1968–1970 Lehre als Verlagsbuchhändler
1970–1975 Tätigkeit als Hersteller und Grafiker in verschiedenen Verlagen
1973–1979 Studium der Philosophie und Religionswissenschaften an der FU Berlin
1977 Mitglied der Galerie am Moritzplatz, Berlin
1979 Schmidt-Rottluff-Stipendium
1982–1983 Villa Massimo, Rom
1983–1984 Aufenthalt in Rom
1986–1987 Aufenthalt in Rapallo

Lebt und arbeitet in Polling (Oberbayern), Monteventano (Italien) und Warthe (Boitzenburger Land / Uckermark)

Ausstellungen (Auswahl)
1980
Heftige Malerei. Haus am Waldsee, Berlin
1981
Barbara Gladstone Gallery, New York
1982
Groninger Museum, Niederlande
1984
The Museum of Modern Art, New York
1985
Kunstverein Braunschweig/Ulmer Museum, Ulm
1988
Solomon R. Guggenheim Museum, New York/Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main
1990
Mathildenhöhe, Darmstadt
1997
Purdy Hicks Gallery, London
2006
Kunsthalle Mannheim
2007
Kunstmuseum Bochum/Kunstmuseum Luzern
2010
Galerie für zeitgenössische Kunst, Leipzig/Langen Foundation, Neuss
2012
H2 - Zentrum für Gegenwartskunst, Augsburg



Einführung zur Ausstellung von
Klaus Jörg Schönmetzler

Aufnahmen von der Vernissage sind in der Rubrik "Fotos" zu sehen


Guten Abend, meine Damen und Herren,

einzig um der Ordnung willen und um dies Gespenst hinkünftig los zu sein, sei zunächst an ein weit vergangenes, durch und durch historisch bedingtes, aber im Kollektivbewusstsein immer noch vitales Kapitel deutscher Kunstgeschichte rückerinnert. Daran nämlich, dass im Jahr 1977 ein Gruppe junger Maler in Berlin die Galerie am Moritzplatz als eine Art Selbsthilfeforum gründete. Es waren dies unter anderem Salomé, Rainer Fetting, Helmut Middendorf sowie ein gewisser Bernd Zimmer. Die Ausstellung allerdings, welche die Gruppe mit einem Streich in die Schlagzeilen brachte, fand nicht dort, sondern in der Galerie im "Haus am Waldsee" statt. Sie stand deutlich unter dem Eindruck der Graffiti an der Berliner Mauer. Sie war geprägt von einem starkfarbigen, vital vergnügten, spielerischen Neoexpressionismus. Und sie gab sich selbst den eher ironischen Namen "Heftige Malerei"; während der Kunsthistoriker und damalige Kurator der Sammlung Ludwig, Wolfgang Becker, dafür das griffigere Schlagwort "Neue Wilde" prägte. Es war eine kurze Blüte. Bereits 1981 gehörte die Galerie am Moritzplatz wieder der Vergangenheit an. Aber die Malerei in Berlin und im damaligen Westdeutschland war eine andere als vorher.

Bernd Zimmers Zugehörigkeit zu dieser Gruppe mutet im Rückblick ein wenig bizarr an. Er war ja kein Berliner, sondern stammte aus dem tiefsten Bayern, aus Planegg. Er hatte als Verlagsbuchhändler bei Hanser in München gelernt. Er wechselte von dort zu jenem ebenso winzigen wie einflussmächtigen Berliner Wagenbach-Verlag, der durch die Quarthefte und Rotbücher zum wichtigsten Sprachrohr der Achtundsechziger-Bewegung geworden war und bei dem damals von Erich Fried bis Wolf Biermann so ziemlich alle relevanten Autoren publizierten. Eigentlich jedoch war Bernd Zimmer nach Berlin gegangen, um an der FU, der Freien Universität Berlin Philosophie und – ausgerechnet – Religionswissenschaft zu studieren. Und 1984 war er nach ausgedehnten Reisen rund um den Globus schon wieder zurück in Oberbayern, diesmal in Polling, wo er bis heute blieb. Womit wir das ominöse Kapitel getrost wieder abschließen und uns endlich einem Künstler zuwenden können, bei dessen heutigem Schaffen einem wenige Begriffe ferner liegen als just "wild" und "heftig".

Denn das erste, was sich bei Rundblick durch die Räume aufdrängt, ist im Gegenteil ein Gefühl von zwingender, alles durchdringender Klarheit. Der zweite Eindruck aber ist, so sehr man sich gegen dies übergroße Wort und seine Implikationen auch sträuben mag, eine verwirrende Empfindung von Erhabenheit. Die Bilder nämlich sind im engsten, unpathetisch lapidarsten Sinn des Wortes Schöpfungen. Schöpfungen ganz einfach, weil sie sich in ihren Themen, ihren Strebungen vollständig aus dem ersten Kapitel Genesis des Alten Testaments ableiten lassen (und sage keiner, der gelernte Religionswissenschaftler wisse nicht genau, was er hier tue).

"Es werden Lichter an der Feste des Himmels" heißt es zum Beispiel in Kapitel 1, Vers 14 Genesis. Von nichts anderem aber als von der Geburt der Sterne aus galaktischen Wolken handelt die "Cosmos"-Reihe. "Und die Erde war wüst und leer" lautet ein anderes Bibelwort. Nichts anderes malt Zimmer in seinen Wüstenbildern. "Es sammle sich das Wasser an besondere Örter, dass man das Trockene sehe". Eben diese Scheidung zwischen Erde und Wasser, das sich Spiegeln des trockenen Landes im Flüssigen darf als Zentralmotiv in Zimmers Schaffen gelten. " Es lasse die Erde hervorgehen Gras und Kraut und fruchtbare Bäume". Auch dies zählt zu den ubiquitären Generalthemen seines Oeuvres.

Schöpfung also, nichts Geringeres? Kraft der Kunst die Welt nochmal erstehen lassen? Eine Welt, bevor das Bestiarium der Tiere und der Menschen sie bezog und letztlich unbewohnbar machte? "Wild"? Nun, meinetwegen. Aber doch nur in dem Sinn, dass wir armselige Menschen gern geneigt sind, Schöpfung dort, wo sie allein sie selber ist, als Wildnis zu betrachten.

Dass sich just diese Wildnis kraft der Kunst jedoch als überwältigende Ordnung darstellt, sehen wir, sobald wir uns jenem Aspekt von Zimmers Arbeit nähern, welchen der Originalitätskult der vergangenen Jahrzehnte gerne mal als bloße Technik diffamierte.

Sehen Sie sich also irgendeinen jener Farbholzschnitte näher an. Sehen sie sich an, wie ingeniös das Weiß des Grundes ausgespart ist, um am Ende des Prozesses höchste Lichter beizusteuern. Sehen Sie, wie dann mehrschichtig vom Dunklen ins Helle gearbeitet wurde. Wie schwarze, dunkelblaue, dunkelrote Schatten den Baumkörpern Konturen geben, wie die dunklen Hintergründe der Farbe Tiefe vermitteln. Wie überwiegend monochrome, aber deutlich hellere Werte sehr porös darübergesetzt werden, so dass ihr Flirren und Irisieren die Flächen erst lebendig macht. Wie eine dritte Stufung der nämlichen Farbe Reichtum und Koloristik hineinträgt, ohne je ins Risiko von Buntheit zu verfallen. Wie bisweilen in der Komposition die Holzschneidekunst der alten Japaner durchschimmert, aber ein eigentümlicher Oberflächenglanz der Farben zugleich etwas Haptisches und Körperhaftes in die Strukturen einbringt.

Vor allem aber: Sehen Sie, wie einerseits das Gefühl sich Raum greift, dass ein Grundvorrat an Formen regelmäßig wiederkehrt, dass die Holzstöcke in den Blättern mehrere Leben, mehrere Wiedergeburten durchlaufen. Aber dass trotzdem kein Blatt die bloße Farbvariante eines anderen bleibt. Dass jedes seinen Schöpfungsprozess erneut vollzieht. Dass alle Blätter als Teil eines universellen Ganzen und doch nur als sie selbst erscheinen. Bäume, gespiegelt in Wasser. Wüsten und Horizonte.

Und natürlich Weltall. Nur geht es hier, wo Sterne sich gebären, nicht länger um Holzschnitt (der schiere Schöpfungsbegriff, der in Zimmers Graphik Holz aus Holz erschafft, widerspräche diesem Gedanken). Vielmehr geht es um eine ganz freie und zugleich erstaunlich kalkulierte Mischung aus Acryl und Pastell. Man könnte die großformatigen Arbeiten auf Leinwand ja durchaus prosaisch als Schüttbilder bezeichnen. Aber damit hätte man den Zauber ihrer Komposition vorsätzlich ausgeblendet. An diesen Farbströmen nämlich ist nichts wirklich Zufall. Sie sind auf ihre Weise ebenso streng geschichtet wie die Holzschnitte auf ihre Art. Die Fließrichtungen einer Farbe werden von der nächsten wie musikalische Harmonien aufgenommen und variativ gedoppelt. Die Farben schichten sich zueinander in erklügelten Akkorden. Die zahllos darein gestreuten Sterne sind – jeder für sich – mit ihrem Halo individuell gestaltete Individuen. Und wie um sich von der realen Astrophotographie abzugrenzen, hat Zimmer in allen drei großen Bildern knapp über der Unterkante eine Horizontlinie eingezogen: eine außerordentlich irritierende Brechung, die – salopp gesprochen – aus Himmelskunde jählings Science Fiction macht; die aber genau genommen nichts anderes tut, als die Spiegelungsebene der Baumbilder am Teich, die Horizontbrechung der Wüstenszenerien auch in diese Werkgruppe herüber zu holen und zu sagen: Das sind keine kopierten Astrofotografien. Das sind aber auch keine Waldlandschaften oder Wüsten. Das ist einzig und ausschließlich Malerei.

Womit wir erneut beim Künstler und Bildschöpfer Bernd Zimmer wären. Einem Text von Beat Wyss entnehme ich, er – also Zimmer – betrachte seine Malerei als "Schwundform" von Landschaft. Ein Begriff, unter dem ich, anders als Wyss, allerdings nicht das Unwirtliche, dem Menschen Feindliche, kurzum "Wilde" zu sehen vermag. Sondern eben das, was über das bloße Motiv hinausweist. Was das Abbild gänzlich peripher erscheinen lässt gegenüber der Gewalt der Kunst.

Bernd Zimmer macht es uns mit dieser Unterscheidung zugegeben nicht immer leicht. Die "Cosmos"-Bilder sind ganz nebenbei auch als coeleste Visionen bestechend schön. Und "Reflexion. Ruhiger Abend" ist ganz nebenbei auch eine der leuchtendsten und stimmungsvollsten Waldszenen in morgendlichem Gegenlicht, die sich nur denken lassen. Aber dies ist dennoch nicht der Punkt. Es kann sich zwar ereignen. Aber es macht nicht das Wesen aus. Wäre es anders, wir hätten uns diesen Künstler ja gleichsam als Pleinair-Maler zu denken. Und schon indem wir dies sagen, ahnen wir das Absurde. Denn bitte: Wie malt man kosmische Gasnebel pleinair?

Nein, dies sind Arbeiten allein des Geistes – und des Ateliers. Auch wenn ihr Urheber ein paarmal um den Globus reisen musste, um dahin zu kommen. Auch wenn er Natur und Landschaft braucht, um dann in seiner Phantasie, in seiner Abstraktion gänzlich bei sich zu sein. Früher, in den Holzschnitten der Achtziger- und Neunzigerjahre, hat Zimmer übrigens auch figural gearbeitet. Ein schönes, wohlgedrucktes Werkverzeichnis gibt davon Zeugnis. Aber es bleibt symptomatisch, dass seine Figuren damals überwiegend Skelette waren. Man könnte dies als Morbidezza deuten, als memento mori. Aber der Begriff "Schwundstufe" scheint mir dafür erneut geheurer. Keine Portraits. Sondern die Reduktion auf das rein Graphische, auf das Gerüst des Menschlichen. Oder, wenn Sie wollen, wieder auf die Genesis, wo Adams Rippe für den Fortgang der Geschichte ungleich essentieller wurde als die ganze Gottesebenbildlichkeit.

Diesem Bilder- und – nun ja – Schwundstufenschöpfer dürfen wir uns heute anvertrauen. Einer Malerpersönlichkeit, wie wir sie in solcher Kraft, in solcher Klarheit, solcher Unbedingtheit noch nicht oft in diesen Räumen hatten. Und zugleich einem hinreißend bescheidenen, aller pompösen Attitüde fernen Menschen; einem, der ganz selbstverständlich mit anpackt, wenn es Bilder herzubringen, auszuladen, aufzuhängen gilt. Und glauben Sie mir, ich rede aus Erfahrung: auch daran erkennt man die ganz Großen ihres Faches.


Bernd Zimmer, Reflexion: 'Ruhiger Abend' 2009, Acryl auf Leinwand, 160x130mm (Ausschnitt)

Bernd Zimmer