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Magische Fantasiewelten,
die unter die Haut gehen

5. Mai bis 4. Juni 2017

Bei aller Individualität und Vielfalt: Was die Münchner Künstlerinnen Ilana Lewitan und Rita de Muynck, die in unserer Galerie vom 5. Mai bis zum 4. Juni ihre Werke zeigen, gemeinsam haben: Sie waren beide bereits in anderen Berufen erfolgreich. Ilana Lewitan hatte als Architektin und Designerin mit weltberühmten Architekten in New York gearbeitet, bevor sie sich ganz der Malerei widmete. Und Rita de Muynck war Psychologin, hatte auf ihrem Fachgebiet promoviert, geforscht, gelehrt und therapiert, studierte erst dann Freie Malerei.

Modifizieren die so unterschiedlichen Entwicklungswege die Themen, die Formen, den künstlerischen Ausdruck beider Malerinnen?

In Ilana Lewitans Werken entfalten sich magische Fantasiewelten – auf farbenprächtige und vergnügliche Weise. Schicht für Schicht baut sie ihre Bilder auf, und so führt sie ihr künstlerischer Weg sicher nicht zufällig zu dreidimensionalen "Cubes": transparenten Objektkästen, in denen Malerei und Skulptur auf äußerst fantasievolle Weise verknüpft werden – erinnert das vielleicht an die Architektin in ihr?

Und auch der Werdegang von Rita de Muynck scheint sich in ihrer Malerei und ihren Skulpturen niederzuschlagen: Denn immer wieder begegnen wir dort Archetypen des Unbewussten, die oft aus Träumen hervorgegangen sind oder aus selbstinduzierten Trancen. Und die von der Künstlerin mit vitaler Farbigkeit und formaler, oft spröder Wucht zum Ausdruck gebracht werden.

Zur Vernissage am Freitag, den 5. Mai 2017 um 19.30 Uhr laden wir Sie herzlich in die Räume unserer Galerie an der Festhalle ein.

Die Öffnungszeiten der Ausstellung:
Mittwoch 16:00 - 18:00 Uhr,
Freitag und Samstag 16:00 - 19:00 Uhr,
Sonntag 10:00 - 12:00 und 16:00 - 19:00 Uhr.

 


 

Rede zur Eröffnung der Ausstellung am 5. Mai 2017

von Elmar Zorn

Meine Damen und Herren,

gestatten Sie mir, dass ich mich heute an Sie in eigener Sache wende. Nachdem ich in den letzten Jahren viele Ausstellungen hier in diesen Galerieräumen eröffnet habe und damit die ehrenvolle Nachfolge von Klaus Jörg Schönmetzler in dieser Funktion übernehmen durfte, und auch gemeinsam mit Rudi Distler einige Programmplanungen realisierte, zuletzt die Malerei von Marcus Jansen aus Florida, wurde mir für die heutige Ausstellung von Rudi eine Carte Blanche für die Nominierung der Künstler in einer Doppelausstellung gegeben.
Die Auswahl sollte also diesmal einzig und allein meine Entscheidung sein. Ich bin Rudi sehr dankbar für das Vertrauen, das er mir schenkt. Er sollte aber dann die Auswahl der Werke treffen, denn er weiß am besten, welche Arbeiten optimal sind für eine Platzierung in den Räumen des Kunstvereins in Aschau. Und natürlich auch die Werke zu hängen, denn – wie ich wiederholt an dieser Stelle gesagt habe – Rudolph Distler ist nicht nur ein sehr guter Künstler, sondern auch ein genialer Einrichter von Ausstellungen. Er hat auch diesmal überzeugend gehängt.

Meine Wahl für diese Ausstellungen fiel auf zwei Künstlerinnen: auf Ilana Lewitan und auf Rita De Muynck. Diese Nominierungen möchte ich im folgenden begründen.
Unter all den Themata, Faszinationen und Obsessionen im Bereich der Bildenden Kunst gibt es zwei spezifische, die mich immer bewegt haben und auch heute noch beschäftigen: es ist das Phänomen der Erinnerung, wie sie von Künstlern behandelt und gestaltet wird, und es ist die Selbstdarstellung des Künstlers in seiner existentiellen Kreatürlichkeit.
Bei ersterem Phänomen habe ich mich für das Werk von Ilana Lewitan entschieden mit ihrer Gestaltung persönlicher Erinnerung und der für sie historisch relevanten Erinnerungen in ihrer Malerei und mit ihren Objektkästen - wie sie also diesen Reminiszenzen eine Bühne verleiht. Der Rekurs auf die eigene Historie, nämlich auf die jüdische Geschichte, auf die nicht nur, aber immer wieder in Ilana Lewitans Kunst zurückgegriffen wird, hat mich bei der Begegnung mit ihrer Kunst spontan ergriffen. Ich bin nach dem 2. Weltkrieg mit den Bildern des Holocaust aufgewachsen. Meinen überhaupt ersten Vortrag als Schüler von 13 Jahren habe ich dem Thema Judentum gewidmet, habe meine Doktorarbeit mit einem Thema bestritten, das ich der Tragödie der deutsch-jüdischen Symbiose und dem Exil deutsch-jüdischer Künstler entnahm. Und erst vor wenigen Monaten hatte ich als Sprecher der Jury eines künstlerischen Wettbewerbes, der von der Gedenkstätte und dem Begegnungszentrum im polnischen Auschwitz ausgerichtet wurde, die Ergebnisse im Europäischen Parlament in Strasbourg vorgetragen.
In der Begegnung mit Rita De Muyncks Werk hat mich der expressiv radikale Gestus in ihrer Malerei und die direkte und lebendige Umsetzung von existentiellen Traum-Visionen in ihrer Zeichnung berührt, ja oft auch bestürzt. Wie es am deutlichsten in ihrem Triptychon „Der Himmel der Kühe“ Ausdruck findet, war es das Leiden der Kreatur, gleich ob Tier oder Mensch, dem De Muynck Gestalt verlieh. Dieses Erlebnis war für mich so bildmächtig, dass ich die Thematik dem Leiter des Kallmann Museums in Ismaning, Rasmus Kleine, für eine eigene Ausstellung vorschlug.
Wir haben dann auch, ausgehend von Rita De Muyncks Werk, gemeinsam unter dem Titel „Ecce Creatura“ eine Ausstellung dort organisiert und kuratiert, mit ihren Arbeiten und denen des Pariser Malers Gérard Stricher (der mehrere seiner pastos farbigen Porträts „Ecce Homo“ benannt hat ),
und mit großformatiger Malerei von Marcus Jansen.

Keine leichte Kost also sehen Sie in den hier gezeigten Werken der beiden Künstlerinnen. Doch verbindet sie nicht nur ihr ernster existentieller Blick auf die eigene Historie und die uralte Mythen, sondern beide führen dem Betrachter ihre Bilderwelten mit brillant gesetztem Humor vor. Sie erzählen beide Geschichten: Ilana Lewitan in ihren surreal fragmentierten Bildanordnungen auf der
Leinwand, die schon durch den Aberwitz ihrer Kontextualisierungen Heiterkeit auslösen, und ebenso auf den transparenten Bildflächen und Kleincontainern ihrer Cubes mit den dadaistisch zusammen gestellten Sammelsurien von Mini-Realitäten, jede eine ironische Einladung zur
voyeuristischen Teilnahme an Parallelwelten eines von der Künstlerin ad hoc erfundenen „Second Life“. Mehr sei nicht verraten, sonst mindert das den Spaß der Entdeckung. Insgesamt ist Lewitans eigenwillige Bildsprache in diesen Objektkästen als ein Weg in eine neue und ganz andere Dimension der Raumgestaltung optimal beschrieben worden in einem Essay des Kunst- und Architekturkritikers der Süddeutschen Zeitung, Gottfried Knapp. Die meisten der Anwesenden kennen ja Knapp und lesen regelmäßig seine Kritiken. Außerdem ist er ein treuer Besucher der Ausstellungen des Kunstvereins in Aschau. Sein Text ist sowohl abgedruckt im Katalog zu den Cubes als auch an der Türfüllung des Raumes angebracht, in dem die Cubes an die Wände appliziert sind.
So richtig witzig und oft nahe an der Zeichenkunst der Karikatur ist das Konvolut von Rita De Muyncks Zeichnungen, von denen eine superbe Auswahl in einem der Galerieräume versammelt ist. Diesen Notaten im großen, 2014 erschienenen Katalog „Rita De Muynck. Under the Skin“ des Hirmer Verlags nachzuspüren, macht Spaß und ist gewiss souveräne Zeichenkunst. Kein Geringerer als der Münchner Kunstwissenschaftler und Akademieprofessor Thomas Zacharias hat sie im Hirmer-Buch fantasievoll und beziehungsreich gedeutet. Auch diese Lektüre, meine Damen und Herren, lohnt sich sehr.
Schade, dass die Räume des Kunstvereins zwar wunderbar geeignet sind für die Präsentation von Zeichnung und Malerei, in immer wieder neuen Raum- und Wandkonstellationen, aber das Medium Skulptur überhaupt nicht zur Entfaltung kommen kann, wie Rudi Distler das sehr wohl weiß und für alle nachvollziehbar vor Augen halten kann. Aber wenigstens eine von Rita De Muyncks Skulpturen kann kompetent den ihr zugewiesenen Raum besetzen, was mich sehr freut, denn dieser Aspekt im Werk der Künstlerin ist mir sehr wichtig zum Verständnis der Sonderklasse von De Muyncks Expressivität. Ihre Skulptur „Zerfetzung“ etwa, die bei ihrer Ausstellung vor ein paar Monaten im Diözesanmuseum Augsburg den Eingang dominierte, hätte diese Ausstellung gesprengt, ja „zerfetzt“ – um im Bild zu bleiben. Vielleicht kann die Plastik in Zukunft an einem anderen Ort gezeigt werden.
Aufmerksam machen möchte ich sie noch auf die Biografien der beiden Künstlerinnen, denn beide speisen ihre Kreativität aus Multi-Identitäten, was Herkunft, Beruf und Werdegang betrifft:
Ilana Lewitan war lange Zeit in New York als Architektin im Büro des weltberühmten Architekten und Künstlers Richard Meier tätig und verbringt einen Teil des Jahres in Israel. Ihren Mann Louis Lewitan kennen viele als Buchautor und Kolumnisten des Zeit Magazins.
Die in Belgien geborene Rita De Muynck ist nicht nur Malerin, Zeichnerin und Bildhauerin. Sie ist auch promovierte Psychologin wie ihr Mann, der darüber hinaus Schriftsteller ist und Poet - ein sehr guter übrigens. Des weiteren ist sie als Kunsthistorikerin ausgebildet. Einzelheiten zu den Biografien und den bisherigen Ausstellungen und Publikationen können Sie nachlesen in den von mir bereits erwähnten Veröffentlichungen, wobei ich noch hinweisen möchte auf die jüngsten Publikationen von beiden Künstlerinnen, die am Büchertisch ausliegen.

Elmar Zorn

 

Rita De Muynck: 'Rotkäppchens Niederkunft', 2002, Acryl, Ölkreide auf Papier, 125 x 90 cm
Rita De Muynck: 'Rotkäppchens Niederkunft'
Ilana Lewitan: 'Poesie bewegt die Welt'
Ilana Lewitan: 'Poesie bewegt die Welt'